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PDA - Anforderungsvermeidung



1. Einleitung: Was ist PDA?


PDA steht ursprünglich für Pathological Demand Avoidance. Da der Begriff „pathologisch“ (krankhaft) von vielen Betroffenen als stigmatisierend empfunden wird, setzt sich im deutschsprachigen Raum immer mehr der Begriff Pervasive Drive for Autonomy (tiefgreifendes Streben nach Autonomie) durch.


Es handelt sich um ein spezifisches Persönlichkeitsprofil im neurodivergenten Spektrum. Menschen mit PDA erleben alltägliche Anforderungen nicht nur als lästig, sondern als direkte Bedrohung ihrer Autonomie. Das Nervensystem reagiert auf Erwartungen (von außen oder von sich selbst) mit einer massiven Stressreaktion (Kampf, Flucht oder Erstarrung).



2. Kernmerkmale von PDA


Um PDA zu verstehen, muss man wissen, dass es nicht um „Wollen“ geht, sondern um „Können“.

  • Soziale Strategien zur Vermeidung: Anders als bei klassischer Opposition nutzen PDA-ler oft soziale Taktiken (Ablenkung, Ausreden, Humor oder Rollenspiel), um einer Anforderung zu entgehen.


  • Scheinbare soziale Kompetenz: Betroffene wirken oft sozial sehr gewandt, verstehen aber die zugrunde liegenden Hierarchien oft nicht oder lehnen sie ab.


  • Extremer Drang nach Selbstbestimmung: Nur wenn sie die volle Kontrolle über ihr Handeln haben, fühlen sie sich sicher.


  • Sinnhaftigkeit ist Pflicht: Eine Aufgabe „einfach so“ zu machen, weil es jemand sagt, ist physiologisch fast unmöglich.




3. Wichtige Unterscheidungen



Merkmal

Klassisches ADHS

Exekutive Dysfunktion

PDA (Autonomie-Streben)

Ursache der Vermeidung

Ablenkbarkeit oder Motivationsmangel (Dopamin).

Problem beim Planen und Starten.

Angstreaktion durch Kontrollverlust.

Reaktion auf Druck

Kann kurzfristig helfen (Adrenalin).

Hilft meist nicht, erhöht nur Stress.

Führt zu totaler Blockade oder Meltdown.

Selbstgewählte Aufgaben

Werden oft wegen Hyperfokus erledigt.

Start ist schwer, Umsetzung klappt.

Können ebenfalls blockiert werden, sobald sie sich wie ein "Muss" anfühlen.

Wichtig: Viele Menschen haben beides (AuDHS + PDA). Hier potenziert sich der Konflikt: Das ADHS will Neues erleben, das PDA-Profil braucht aber die absolute Kontrolle darüber, wie und wann das passiert.


4. Alltagstipps für Betroffene und das Umfeld


Der Schlüssel im Umgang mit PDA ist die Reduzierung der gefühlten Bedrohung.


Für Betroffene (Selbstmanagement)


  • Die "Vielleicht"-Liste: Ersetze "Ich muss heute..." durch "Ich könnte heute...". Das lässt dem Gehirn die Hintertür zur Autonomie offen.


  • Körpersignale lesen: Lerne zu erkennen, wann dein Nervensystem in den "Bedrohungsmodus" schaltet. Druck rausnehmen ist dann wichtiger als die Aufgabe.


  • Deklarative Sprache: Sprich mit dir selbst nicht in Befehlen. Statt „Ich muss jetzt spülen“, versuche: „Das Geschirr ist voll, eigentlich wäre es schön, morgen saubere Tassen zu haben.“




Für das Umfeld (Angehörige/Freunde)


  • Weg von Imperativen: Vermeide Sätze wie „Räum bitte die Spülmaschine aus“.


  • Die "Kollaborative Methode": Nutze indirekte Kommunikation. „Ich frage mich, ob wir heute noch einkaufen müssen, damit wir morgen Frühstück haben.“


  • Wahlmöglichkeiten bieten: Gib dem Gegenüber die Kontrolle zurück. „Möchtest du lieber jetzt kurz helfen oder in einer Stunde alles alleine machen?“


  • Gleichwürdigkeit: Kommuniziere auf Augenhöhe. Jede Form von „von oben herab“ triggert die Autonomie-Abwehr.






Deklarative Sprache


Im Gegensatz zur imperativen Sprache (Befehle) beschreibt die deklarative Sprache lediglich Beobachtungen, Gefühle oder Informationen. Dies nimmt den Druck vom Nervensystem.



Beispiele für den Alltag



1. Haushalt


Statt: "Bring den Müll raus!"


Deklarativ: "Ich sehe, dass der Mülleimer schon fast überquillt."


Wahlmöglichkeit: "Ich überlege, ob ich den Müll jetzt mitnehme oder ob du das später machen möchtest, wenn du eh rausgehst."




2. Verabredungen


Statt: "Sei pünktlich um acht da!"


Deklarativ: "Der Film beginnt um acht. Wenn wir die Vorschau sehen wollen, müssten wir kurz vorher da sein."




3. Aufgaben/Arbeit


Statt: "Schreib diesen Bericht bis morgen."


Deklarativ: "Kunde X braucht die Daten bis morgen früh. Ich frage mich, wie wir das zeitlich am besten hinkriegen."



Tipps:


Gleichwürdigkeit: Vermeidet Hierarchien in der Stimme.


Humor: Gemeinsames Lachen über die Absurdität einer Anforderung kann die Anspannung lösen.


Pause: Nach einer deklarativen Aussage dem Gegenüber Raum lassen (Stille aushalten!), damit die Person selbst die Entscheidung treffen kann.


 
 
 

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