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Abwehrmechanismen: Wenn „Sorry“ nicht reicht – Wie du reagierst, wenn Eltern Wiedergutmachung vermeiden


In meiner Arbeit mit Klienten höre ich oft denselben schmerzhaften Moment: Man nimmt all seinen Mut zusammen, um ein verletzendes Ereignis aus der Kindheit anzusprechen – und stößt gegen eine Mauer aus Rechtfertigungen.


Anstatt Heilung und Verständnis zu finden, hören wir Sätze wie: „Ich habe dich doch nur geliebt“ oder „Du bist zu empfindlich“. In der Psychologie nennen wir das Abwehrmechanismen. Sie dienen dazu, das Selbstbild der Eltern zu schützen, lassen dich als Kind (auch als erwachsenes Kind) aber einsam mit deinem Schmerz zurück.


Hier ist ein Leitfaden, wie du in solchen Momenten bei dir bleibst und klare Grenzen setzt.




Die häufigsten Abwehrmechanismen und wie du kontern kannst


1. Die „Liebes-Karte“


  • Was sie sagen: „Es tut mir leid, ich habe dich wohl einfach zu sehr geliebt.“


  • Warum das schwierig ist: Es setzt Liebe mit Schaden gleich und macht den Schmerz unbesprechbar.


  • Deine Antwort: „Liebe ist hier nicht das Problem, sondern die Auswirkung deines Handelns. Wir können über beides sprechen.“


  • Der Kern: Liebe löscht keinen Schaden aus. Echte Reparatur erfordert, dass man das benennt, was beim Gegenüber angekommen ist.



2. Das „Bestmögliche“


  • Was sie sagen: „Was willst du eigentlich? Ich habe mein Bestes gegeben!“


  • Warum das schwierig ist: Es ist ein Totschlagargument, das das Gespräch beendet.


  • Deine Antwort: „Ich glaube dir, dass du getan hast, was du konntest. Und trotzdem möchte ich darüber sprechen, was mich verletzt hat.“


  • Der Kern: Bemühung erklärt ein Verhalten, aber sie radiert die Folgen nicht aus.



3. Die „Sensibilitäts-Falle“


  • Was sie sagen: „Du und deine Generation, ihr seid einfach alle viel zu empfindlich.“


  • Warum das schwierig ist: Es ist eine Form der emotionalen Invalidierung.




  • Deine Antwort: „Ich bin eigentlich sehr präzise darin, meine emotionale Erfahrung zu beschreiben.“


  • Der Kern: Jemanden als „zu sensibel“ abzustempeln, ist ein Versuch, die Verantwortung für die eigene Unhöflichkeit oder Härte abzuwälzen.


4. Die „Opfer-Rolle“


  • Was sie sagen: „Na gut, dann war ich wohl die schrecklichste Mutter der Welt, oder?“


  • Warum das schwierig ist: Das ist eine Ablenkung (Deflection). Das Ziel ist, dass DU jetzt die Eltern tröstest, anstatt dass sie dir zuhören.


  • Deine Antwort: „Es geht nicht darum, dich zu bewerten, sondern darum, dass du verstehst, was mich beeinflusst hat.“


  • Der Kern: Verantwortung ist kein Urteil über den Charakter, sondern eine Voraussetzung für Heilung.




Warum diese Abgrenzung für deine Heilung wichtig ist


Wenn wir diese Muster erkennen, hören wir auf, uns für unsere Wahrnehmung zu rechtfertigen. Wiedergutmachung (Repair) ist kein Prozess, bei dem es um Schuld oder Bestrafung geht. Es geht darum, die Realität des anderen anzuerkennen.

Unverarbeitete Erfahrungen verschwinden nicht einfach mit der Zeit – sie leben in unserem Nervensystem in der Gegenwart weiter. Wenn wir sie ansprechen, tun wir das nicht, um in der Vergangenheit zu wühlen, sondern um heute gesündere Beziehungen zu führen.


Ein Impuls für dich

Wenn du das nächste Mal mit einer solchen Rechtfertigung konfrontiert wirst, atme tief durch. Erinnere dich: Du bist nicht dafür verantwortlich, das Ego deiner Eltern zu schützen. Du bist dafür verantwortlich, deine Wahrheit zu wahren


Was die Eltern sagen

Deine empfohlene Reaktion

Die psychologische Einordnung

„Es tut mir leid, ich schätze, ich habe dich einfach zu sehr geliebt.“

„Die Liebe ist nicht das Problem, sondern die Auswirkung. Wir können über beides sprechen.“

Liebe macht Schaden nicht ungeschehen. Wiedergutmachung erfordert das Benennen dessen, was passiert ist.

„Was willst du von mir? Ich habe mein Bestes gegeben.“

„Ich glaube dir, dass du das getan hast, was du konntest. Trotzdem darf ich darüber sprechen, was mich verletzt hat.“

Bemühung erklärt das Verhalten, aber sie löscht die Folgen nicht aus.

„Oh mein Gott, du und deine Generation seid einfach zu empfindlich.“

„Ich bin eigentlich sehr präzise, was meine emotionale Erfahrung angeht.“

Jemanden als „zu empfindlich“ abzustempeln, ist eine Form emotionaler Entwertung (Invalidierung).

„Na gut, dann war ich wohl einfach die schrecklichste Mutter/der schrecklichste Vater der Welt, was?“

„Es geht nicht darum, dir einen Stempel aufzudrücken, sondern darum zu verstehen, was mich beeinflusst hat.“

Das ist Ablenkung. Das Gespräch wird von der Verantwortung hin zum Bedürfnis nach Trost verschoben.

„Du klammerst dich an die Vergangenheit. Meinst du nicht, es ist Zeit, es gut sein zu lassen?“

„Ich benenne Muster, die mich auch heute noch beeinflussen.“

Unverarbeitete Erfahrungen leben in der Gegenwart weiter, nicht in der Vergangenheit.

„Ich wollte dich doch nur beschützen. Willst du mir jetzt Vorwürfe machen, weil ich dich beschützen wollte?“

„Ich verstehe die Absicht dahinter. Ich möchte darüber sprechen, wie es bei mir ankam und welche Folgen es hatte.“

Schutz als Absicht macht die entstandenen Ergebnisse nicht rückgängig.

„Du willst nur jemanden beschuldigen. Du versuchst doch nur, mich zum Bösewicht zu machen.“

„Ich bitte dich um Verantwortungsübernahme. Ich teile dir keine Rolle zu.“

Verantwortung (Accountability) ist keine Bestrafung, sondern die Basis für Heilung.


Abwehrreaktionen: Szenario - Ein Gespräch



Der Sohn (Ende 20) möchte ansprechen, dass der ständige Leistungsdruck des Vaters in seiner Kindheit dazu geführt hat, dass er heute mit Versagensängsten kämpft.


Sohn: „Papa, ich wollte mal über etwas reden. Mir ist aufgefallen, dass ich mich im Job oft extrem unter Druck setze. Ich glaube, das hat viel damit zu tun, wie sehr du früher darauf bestanden hast, dass ich immer der Beste sein muss, egal ob beim Sport oder in der Schule. Das hat mich oft eher verängstigt als motiviert.“


Vater (geht sofort in die Defensive): „Ach, was willst du denn jetzt von mir? Ich habe doch nur mein Bestes gegeben. Ich wollte, dass aus dir mal was wird!“


Sohn: „Ich glaube dir auch, dass du das getan hast, was du für richtig hieltest. Aber das ändert nichts daran, dass dieser Druck mich heute noch belastet. Ich möchte, dass wir über diese Auswirkung sprechen können.“


Vater (seufzt genervt): „Ganz ehrlich, du und deine Generation, ihr seid einfach viel zu empfindlich. Wir haben früher einen Klaps auf den Hintern bekommen und haben nicht rumgeheult. Du hattest doch alles!“


Sohn (ruhig): „Es geht nicht darum, was ich materiell hatte. Und ich bin auch nicht 'zu empfindlich' – ich beschreibe dir eigentlich sehr präzise meine emotionale Erfahrung. Mir wäre wichtig, dass du mir einfach mal zuhörst, ohne es sofort abzutun.“


Vater (wird sarkastisch): „Na wunderbar. Dann war ich wohl einfach der schrecklichste Vater der Welt, was? Ein Monster, das sein Kind traumatisiert hat.“


Sohn: „Papa, das ist jetzt eine Ablenkung. Es geht mir nicht darum, dir eine Rolle zuzuweisen oder dich als 'böse' abzustempeln. Ich möchte keine Entschuldigung für deinen Charakter, sondern Verständnis dafür, was mich beeinflusst hat. Wenn du dich jetzt nur noch verteidigst, können wir keine echte Verbindung aufbauen.“


Vater (schweigt kurz): „Das ist doch alles ewig her. Du klammerst dich total an die Vergangenheit. Warum lässt du es nicht einfach mal gut sein?


Sohn: „Ich lasse es nicht deshalb nicht los, weil ich gerne in der Vergangenheit wühle. Sondern weil diese Muster heute noch in mir aktiv sind. Wenn wir heute ein gutes Verhältnis haben wollen, müssen wir darüber reden können, wie die Dinge von damals heute noch nachwirken.“



Was in diesem Gespräch passiert ist:


  1. De-Eskalation: Der Sohn ist nicht auf die Provokationen („zu empfindlich“, „Monster-Vater“) eingestiegen.


  2. Fokus auf den „Impact“: Er hat immer wieder betont, dass es nicht um die Absicht des Vaters geht, sondern um die Folgen für ihn selbst.


  3. Grenzen setzen: Er hat die Taktik des Vaters (die Opfer-Rolle einzunehmen) direkt benannt („Das ist eine Ablenkung“).




Leitfaden: So bereitest du dich auf ein schwieriges Gespräch vor


Ein Gespräch über vergangene Verletzungen ist kein Debattierclub – es ist ein Akt der Selbstfürsorge. So gehst du strukturiert vor:



1. Die innere Absicht klären (Das „Warum“)

Frage dich: Was ist mein Ziel?


  • Heilung durch Ausdruck: „Ich möchte, dass meine Wahrheit im Raum steht.“


  • Grenzen setzen: „Ich möchte klarstellen, dass ich bestimmte Kommentare nicht mehr akzeptiere.“


  • Beziehung klären: „Ich möchte sehen, ob eine tiefere Verbindung noch möglich ist.“


  • Wichtig: Wenn dein Ziel ist, dass der andere sich ändert oder alles zugibt, wirst du wahrscheinlich enttäuscht. Setze das Ziel auf dein Handeln, nicht auf seine Reaktion.



2. Das „Skript“ entwerfen (Die Ich-Botschaften)


Bereite dir 2-3 Kernsätze vor, damit du im Stress nicht den Faden verlierst. Nutze die Struktur:


Wahrnehmung – Gefühl – Auswirkung.


  • Beispiel: „Wenn du sagst, ich sei zu sensibel (Wahrnehmung), fühle ich mich nicht gesehen (Gefühl). Das führt dazu, dass ich mich innerlich von dir distanziere (Auswirkung).“


3. Die „Abwehr-Landkarte“ erstellen


Überlege dir vorher: Welche Verteidigungsstrategie nutzt mein Gegenüber meistens?


  • Wird er laut?


  • Spielt er das Opfer?


  • Macht er Witze darüber?


  • Die Strategie: Wenn die Abwehr kommt, benenne sie innerlich („Ah, das ist jetzt die Opfer-Rolle“). Das nimmt dem Moment die emotionale Wucht und hilft dir, ruhig zu bleiben.




4. Die „Exit-Strategie“ festlegen


Du musst das Gespräch nicht bis zum bitteren Ende durchziehen, wenn es toxisch wird.


  • Lege fest, wann du abbrichst: „Wenn du anfängst zu schreien oder mich zu beleidigen, werde ich das Gespräch beenden und den Raum verlassen.“


  • Satz für den Notfall: „Ich merke, dass wir gerade nicht weiterkommen, weil du sehr defensiv reagierst. Ich beende das Gespräch für heute, damit wir beide abkühlen können.“



Mini-Übung für Klienten (Das „Ankern“)


Bevor das Gespräch beginnt, empfehle Ich diese kurze Zentrierung:


  1. Körper-Check: Wo spüre ich die Anspannung? (Kiefer, Schultern, Bauch?) Atme dort bewusst hinein.


  2. Der Anker-Satz: Wiederhole im Stillen: „Ich bin ein Erwachsener. Ich bin sicher. Meine Wahrnehmung ist real.“


  3. Visualisierung: Stell dir vor, die Vorwürfe oder Abwehrreaktionen des Gegenübers prallen an einem gläsernen Schild vor dir ab. Sie gehören ihm, nicht dir.




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Mara Sturm

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